KulturPolitik im Wandel: Hauptstadtsymbolik in Wien und Berlin

Monika De Frantz

Abstract

Angesichts zunehmenden Standortwettbewerbs bedient sich die Stadtpolitik kultureller Großprojekte als symbolische Strategien zur wirtschaftlichen Entwicklung und WählerInnenmobilisierung. Aber diese multiple Symbolik trägt nicht immer erfolgreich zur Bündelung gegensätzlicher Interessen in einer gemeinsamen Wachstumsstrategie bei. Die Mobilisierung tiefgreifender Identifikationen mit Stadtkultur kann auch unterschwellige sozio-kulturelle Konflikte berühren, verstärken, und politisch eskalieren. Die lange Entscheidungsfindung über den Bau des Museumsquartiers in Wien und den gegenwärtigen Abriss des Palasts der Republik auf dem Schlossplatz in Berlin sind Beispiele für solche kulturpolitische Kontroversen. Anstatt der geplanten Neudefinition eines kohärenten städtischen Leitbilds wurde Haupstadtkultur zur politischen Arena symbolischer Konflikte über Globalisierung und nationale Identität. Die spezifischen institutionellen Rahmenbedingungen in Wien und Berlin bedingten jeweils unterschiedliche kulturpolitische Reaktionen auf diese Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft. Beide Kulturprojekte stellen gegensätzliche Beispiele eines selbstreflexiven Institutionenwandels ‚von unten‘ dar. Kulturpolitik ist nicht mehr nur ein Politikfeld obrigkeitsstaatlicher Machtausübung oder ein Produkt wirtschaftlicher Globalisierung, sondern – im Sinne des angloamerikanischen Begriffs ‚cultural politics‘ – ein plurales Interaktionsfeld gesellschaftlicher Interessen und Identitäten. In der Pluralisierung der Hauptstadtsymbolik spiegelt sich nicht nur der Wandel der staatlichen Kulturpolitik, sondern auch die Öffnung des Begriffes Politik an sich und seiner Institutionalisierung im Staat für neue politische Handlungsmöglichkeiten und Räume politischer Öffentlichkeit.

Schlagworte

Kulturpolitik, Stadt, Hauptstadt, Großprojekte, Institutionen, Öffentlichkeit, Wien, Berlin

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